erstellt von Stefan Schill am 5. September 2001 (Schill.Stefan@t-online.de)

JOHANNES PAUL II.
veritatis splendor (DER GLANZ DER WAHRHEIT)

Anmerkung:
Das Wort 'Ethik' und das Wort 'ethisch' meinen verschiedene Dinge. 'Ethik' bezieht sich auf das Sein, 'ethisch' wird im Zusammenhang mit Werten und Normen gebraucht.

"Die umstrittensten und unterschiedlich gelösten menschlichen Probleme in der gegenwärtigen Reflexion über die Moral sind ... mit einem Grundproblem verknüpft: der Freiheit des Menschen" [31].

1. "So ist man in manchen modernen Denkrichtungen so weit gegangen, die Freiheit derart zu verherrlichen, daß man sie zu einem Absolutum machte, daß die Quelle aller Werte wäre" [32].
2. "Parallel zur Verherrlichung der Freiheit und paradoxerweise im Widerspruch dazu stellt die moderne Kultur dieselbe Freiheit radikal in Frage" [33].
3. "Eine Reihe wissenschaftlicher Disziplinen ... haben richtigerweise die Aufmerksamkeit auf die psychologischen und gesellschaftlichen Konditionierungen gelenkt, die eine Ausübung der menschlichen Freiheit belasten" [33].
4. "Aufgrund der großen Vielfalt der in der Menschheit vorhandenen Bräuche schließt man, wenn auch nicht immer gerade auf die Leugnung universaler menschlicher Werte, so doch zumindest auf eine relativistische Moralauffassung"[33].

"Wollen wir diese Tendenzen einer kritischen Prüfung unterziehen, die geeignet ist, nicht nur zu erkennen, was an ihnen legitim, nützlich und wertvoll ist, sondern zugleich ihre Zweideutigkeiten, Gefahren und Irrtümer aufzuzeigen, dann müssen wir sie im Lichte der grundlegenden Abhängigkeit von Freiheit und Wahrheit prüfen, eine Abhängigkeit, die ihre klarsten und maßgebensten Ausdruck in den Worten Christi gefunden hat: 'Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch befreien' (Joh 8, 32)"[34].

Johannes Paul II. denkt also die Freiheit im Sinne von Platon und Aristoteles:

FREIHEIT LEBEN PRAXIS SEELE WESEN
autonomia bios politikos selbstbestimmen thymoeides (Mut) Körper
autarkeia bios apolaustikos selbstgenügen epithymetikon (Begierde) Substanz
eleutheria bios theoretikos geistreich logistikon (Verstand) ousia (Sein)
doulus (Sklave) biaios (lebensunwert) poiesis (herstellen) pleonexia (noch-mehr-haben-wollen)  

Mit der untersten Zeile kann er nichts anfangen ...

FREIHEIT NATUR KULTUR
res publica objektiv ethisch
res privata subjektiv moralisch


... und gibt demzufolge den daraus resulitierenden dualistischen Begriffen eine andere Bedeutung. Sie werden zu Vorstufen der tiefsten Wahrheit, des Seins:

"Es ist nicht zu leugnen, daß sich jeder Mensch immer in einer bestimmten Kultur befindet, aber ebensowenig lässt sich bestreiten, daß sich der Mensch in dieser jeweiligen Kultur auch nicht erschöpft. Im übrigen beweist die Kulturentwicklung selbst, daß es im Menschen etwas gibt, daß alle Kulturen tranzendiert. Dieses 'Etwas' ist eben die Natur des Menschen. Sie gerade ist das Maß der Kultur und die Voraussetzung dafür, daß der Mensch nicht zum Gefangenen irgendeiner seiner Kulturen wird, sondern seine Würde dadurch behauptet, daß er in Übereinstimmung mit der tiefen Wahrheit seines Wesens lebt" [53].

Die Enzyklika stellt diese Begriffe 'klar', um den Sinn einer Bibelstelle erläutern zu können.

"Das Gespräch Jesu mit dem reichen Jüngling, das im 19. Kapitel des Evangeliums des heiligen Matthäus wiedergegeben wird, kann uns eine nützliche Spur sein, um seine Morallehre in lebendiger, eindringlicher Weise neu zu hören: Es kam ein Mann zu Jesus und fragte: Meister, was, was muß ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Er antwortete: Was fragst du mich nach dem Guten? Nur einer ist der Gute. Wenn du aber das Leben erlangen willst, halte die Gebote!" [6].

Literatur:
BARUZZI, A. (1993): Die Zukunft der Freiheit.- S. 395, Darmstadt.
PAPA, II. (1994): Enzyklika veritatis splendor vom 6. August 1993 (Der Glanz der Wahrheit).- S. 218, Leutesdorf.