erstellt von Stefan Schill vom 6. bis zum 11. Oktober 2001 (Schill.Stefan@t-online.de)

DER OBJEKTIVE BODENSATZ

Ich habe eine Idee.
Sie stammt von mir und bezieht sich gleichzeitig auf eine Sache. Alles, was ich meine, kann dazu verwendet werden, mich selbst und die Sache zu erforschen. Doch was ist mit dem Rest, was ist mit der Sache, von der ich schlicht und ergreifend keine Idee habe? ... Ich könnte früher oder später eine Idee haben und damit ist die Frage bereits beantwortet: Die Idee eines Vorher und eines Nachher ist nämlich genau diejenige Idee, die einer Sache auf den Grund geht.

Ich erfinde Wahrheitswerte und vergleiche das Vorher mit dem Nachher.
Damit ich mein Ich tatsächlich ausschalte, liste ich alle Möglichkeiten tabellarisch auf. Jede Tabelle trägt einen Namen. So bekomme ich objektive Sachverhalte an die Hand.

Im Falle einer einzelnen Idee sind vier Konstellationen denkbar.

POSITION NEGATION
wahr wahr wahr falsch
falsch falsch falsch wahr
TAUTOLOGIE ANTILOGIE
wahr wahr wahr falsch
falsch wahr falsch falsch
Im Falle zweier Ideen gibt es vier Paare, die für das Vorher stehen. Im Nachher entwickeln sich daraus 16 Präferenzen, angekündigt durch 'wenn ..., dann'. Wenn das Vorher, dann das Nachher.

     VORHER                          WAHRHEITSWERT
     Idee 1                          w - w - f - f
     Idee 2                          w - f - w - f

     NACHHER                         WAHRHEITSWERT
     Idee 1 und Idee 2               w - f - f - f
     Idee 1 oder Idee 2              f - w - w - w
     beide oder keine                w - f - f - w
     entweder Idee 1 oder Idee 2     f - w - w - f
     nicht ohne Idee 1               w - w - f - w
     nicht aber Idee 1               f - f - w - f
     nicht ohne Idee 2               w - f - w - w
     nicht aber Idee 2               f - w - f - f
     Idee 1 bestimmt                 w - w - f - f
     Idee 1 bestimmt nicht           f - f - w - w
     Idee 2 bestimmt                 w - f - w - f
     Idee 2 bestimmt nicht           f - w - f - w
     beide sowieso                   w - w - w - f
     beide sowieso nicht             f - f - f - w
     beide eher doch?                w - w - w - w
     beide eher nicht?               f - f - f - f


zur Erklärung des Vorher:
w - w: beide Ideen ergänzen sich vortrefflich
w - f: Idee 1 ist besser als Idee 2
f - w: Idee 2 ist besser als Idee 1
f - f: beide Ideen taugen nichts,
       der unbekannte Rest entscheidet

Und wie formuliere ich nun meine Idee?
Ich nehme ein Wort (verbum), welches die Veränderung von Vorher zu Nachher beschreibt (Zeitwort) und ergänze es durch ein Subjekt und durch ein Objekt. Schon habe ich einen Satz.

Die Richtung vom Vorher zum Nachher ist die des Sprechenden.
Diejenige von Nachher zu Vorher ist die des Angesprochenen. Damit der Angesprochene zuhört, sollte ich nicht nur mich, sondern auch ihn als Subjekt des Satzes anführen. 'Bedeutungsschwanger' erreiche ich dadurch, daß die Sache selbst als Subjekt fungiert.

Ich kann mich also in verschiedene Perspektiven versetzen.
In bestimmten Satzstellungen wird das Subjekt sogar stillschweigend vorausgesetzt. Das Subjekt, sofern vorhanden, markiert dabei immer den einfachsten Fall des Objektes, welches im Deutschen in drei weiteren Fällen dekliniert wird. Genauso wie beim Subjekt wird hier das Objekt durch Personalpronomina oder durch Substantive (Artikel) repräsentiert:

FALL SPRECHER HÖRER SACHE ARTIKEL
wer oder was? wir
ich
ihr
du
sie
er, sie, es
die
der, die, das
wessen? unser
mein
euer
dein
deren
dessen, ihr, sein
der
des, der, des
wem? unser
mir
euer
dir
deren
ihm, ihr, ihm
den
dem, der, dem
wen oder was? unser
mein
euer
dein
deren
ihn, sie, es
die
den, die, das

Doch damit nicht genug!
Wenn ich meine Ideen mit weiteren Ideen von mir selbst vergleiche, bekomme ich eine andere Erkenntnis meiner selbst, als wie wenn ich meine Ideen mit den Ideen anderer vergleiche: Das Eine ist persönlich, das Andere ist unpersönlich. Das Verb kann diese Unterschiede im Satz ausdrücken. Der Unterschied von reflexiv zu relativ bzw. von persönlich zu unpersönlich entspricht dabei dem Gegensatz von Objekt zu Subjekt.

Ich merke mir die Sätze.
Die in ihnen ausgedrückten Ideen müssten sich eigentlich gegenseitig aufheben, doch seltsamerweise passiert etwas anderes: Die gesammelten Ideen haben dazugewonnen.

Das Sein ist entstanden.
Ich kann es auffächern und unterscheide dann (zusätzlich zu dem Sein des Vorher und Nachher):

das Sein,
- das es nie gibt      (Nicht-Sein = leere Menge)
- das es manchmal gibt (Da-Sein    = Grundmenge)
- das es immer gibt    (Seiend     = Menge aller Mengen)

Dieses Wunder, welches von der Sprache herrührt, steht auch in der Bibel. Der Anfang des Johannes-Evangeliums bezieht sich auf die neugewonnene Dreifaltigkeit des Seins und richtet sich damit gegen den gnostischen Dualismus von Subjekt und Objekt:

"Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe geworden und ohne dasselbe ist auch nicht eines geworden, das geworden ist. In ihm war Leben und das Leben war das Licht für die Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht angenommen."