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Autor: Stefan Schill, erstellt 24. Juni 2001 (Schill.Stefan@t-online.de)
1. Das Denken
2. Das Buch 3. Der Glaube 4. Der Antichrist und die Apokalypse UMBERTO ECO: DER NAME DER ROSE Ihr kennt alle das Wort "zweideutig". Gute Literatur ist zweideutig. Sie funktioniert auf zwei Ebenen. Der Leser erfährt ein Hin und Her, bis am Ende beides ineinander aufgeht, die Geschichte und die Philosophie, der Leib und der Geist. Im Falle von Umberto Ecos "Der Name Der Rose" gibt es sogar eine äußerst spannende Verfilmung. Es macht Spaß, den Film mit Sean Connery anzuschauen, und die meisten dürften dabei Gleiches verspüren, nämlich den Wunsch mitzuspielen, mit der Weisheit des William von Baskerville in das Geschehen einzugreifen und die Bibliothek vor dem Untergang zu retten. Damit wäre ich beim Thema angelangt: Wie denkt William von Baskerville und was verspricht er sich vom Inhalt des bis heute verschollenen Buches? Selbiges lasse ich Umberto Eco beantworten und rufe Carl Friedrich von Weizsäcker zwecks Klärung des Hintergrundes an. 1. Das Denken Es geht um die alte Frage, was Wahrheit sei und wie man sie finden könne. Die Verbrechen in der Abtei dienen dabei als Messlatte, anhand derer sich die neue Methode beweisen muss. William von Baskerville betritt also Neuland, denn die damalige Philosophie ist reine Theologie. Nicht, daß Theologie eine schlechte Sache sei, nein, William ist strenggläubig. Das Ziel ist, die Natur zu erforschen und sie, ganz im Sinne der Bibel, dem Menschen untertan zu machen. Roger Bacon sei nun das Vorbild für die Forscher. Erster Tag - SEXTA "Du irrst, Ubertin", sagte William sehr ernst. "Du weißt, daß ich am meisten unter meinen Lehrern den großen Roger Bacon verehre..." "... der sich eitlen Träumen über Flugmaschinen hingab", spottete Ubertin. "... der klar und deutlich über den Antichrist sprach, der die Vorzeichen seiner Ankunft in der Verderbnis der Welt erblickte und in der Schwächung der Weisheit. Allerdings lehrte er, daß es nur eine Art und Weise gibt, sich auf seine Ankunft vorzubereiten: die Geheimnisse der Natur studieren und das Wissen zu nutzen, um die menschliche Gattung zu verbessern." ... Die Mathematik sei die adäquate Sprache. Dritter Tag - VESPER "Die mathematischen Erkenntnisse sind Sätze, die unser Verstand so konstruiert hat, daß sie stets funktionieren, als wären sie wahr, sei's weil sie uns angeboren sind, sei's weil die Mathematik vor allen anderen Wissenschaften erfunden wurde. Und die Bibliothek ist von einem menschlichen Geist konstruiert worden, der mathematisch dachte, denn ohne Mathematik errichtet man kein Labyrinth. Infolgedessen geht es darum, unsere mathematischen Sätze mit denen des Konstrukteurs zu vergleichen, und aus diesem Vergleich kann sich wissenschaftliche Erkenntnis ergeben"... Naturwissenschaftliche Gesetze bringen jedoch eine Konsequenz mit sich: Dritter Tag - NONA ... "Aber merke: Ich spreche von Sätzen, also von Aussagen über die Dinge, nicht von den Dingen selbst. Die Wissenschaft hat es mit Aussagen, Sätzen und Begriffen zu tun, und die Begriffe bezeichnen einzelne Dinge. Verstehst du mich, Adson, ich muß davon ausgehen, daß mein Satz richtig ist, denn ich habe ihn aufgrund bestimmter Erfahrungen gewonnen. Doch um an seine Richtigkeit glauben zu können, muß ich annehmen, daß es allgemeine Gesetze gibt, von denen ich aber nicht sprechen kann, denn der bloße Gedanke, es könnte so etwas wie allgemeine Gesetze und eine feste Ordnung der Dinge geben, impliziert, daß Gott ihr Gefangener wäre - Gott, der doch absolut frei ist"... Sie kennen keinen Gott. Siebenter Tag - NACHT ..."Zu behaupten, daß Gott allmächtig ist und seinen Entscheidungen gegenüber absolut frei, heißt das nicht zu beweisen, daß Gott nicht existiert?" Dennoch haben Naturwissenschaftler ein Credo. Siebenter Tag - NACHT "Ich habe nie an der Wahrheit der Zeichen gezweifelt, Adson, sie sind das einzige, was der Mensch hat, um sich in der Welt zurechtzufinden. Was ich nicht verstanden hatte, war die Wechselbeziehung zwischen den Zeichen."... Das der Geisteswissenschaften lautet: Prolog Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort... ... und die Moral von der Geschicht' Siebenter Tag - NACHT ..."Die Ordnung, die unser Geist sich vorstellt, ist wie ein Netz oder eine Leiter, die er sich zusammenbastelt, um irgendwo hinaufzugelangen. Aber wenn er dann hinaufgelangt ist, muß er sie wegwerfen, denn es zeigt sich, daß sie zwar nützlich, aber unsinnig war."... 2. Das Buch Das verschollene Werk des Aristoteles handelt vom Lachen, darüber, was den Witz einer Sache ausmacht und von der Ironie unterscheidet. Sechster Tag - PRIMA ...Nie merkte ich bei meinem Meister, wann er scherzte. Wenn man in meiner Heimat einen Scherz machen will, dann sagt man etwas und bricht in geräuschvolles Lachen aus, damit alle Anwesenden auch richtig mitlachen können. William lachte dagegen nur, wenn er ernste Dinge sagte, und blieb vollkommen ernst, wenn er vermutlich scherzte. Adson bezeichnet das Geschehen als Tragödie. Siebenter Tag - NACHT Die ganze Abtei war in wilder Erregung. Doch die Tragödie hatte erst gerade begonnen.... Damit drängt sich die Frage nach einer Theorie der Komödie auf. Siebenter Tag - NACHT ..."Die Komödie entsteht in den komai, das heißt in den Dörfern der Bauern, und zwar als fröhliches Spiel nach reichlicherem Mahl oder nach einem Fest. Sie handelt nicht von berühmten und mächtigen Menschen, sondern von gemeinen und komischen, die aber nicht böse sind, und sie endet auch nicht mit dem Tod der Helden. Die Wirkung der Lächerlichkeit erreicht sie, indem sie die Mängel und Laster der gewöhnlichen Leute zeigt." ...
3. Der Glaube
Umberto Eco und Carlo Maria Martini lieferten sich zwischen 1995 und 1996 ein Gefecht. In höflicher Atmosphäre stellten sie ihrem Gegenüber Fragen, die dieser dann beantwortete. Frage - ECO ..."Wie ist der aktuelle Stand der theologischen Debatte zu diesem Thema, heute, nachdem die Theologie sich nicht mehr mit der aristotelischen Physik, sondern mit den Gewißheiten (und Ungewißheiten!) der modernen experimentellen Wissenschaft mißt?"... Antwort - MARTINI ..."Das Leben, das für das Evangelium den höchsten Wert darstellt, ist nicht das physische und auch nicht das psychische Leben (für das in den Evangelien die griechischen Begriffe bios und psyche stehen), sondern das göttliche Leben, das Gott dem Menschen mitteilt (und für das der Begriff zoe verwendet wird)."... Frage - ECO ..."Aus welchen Gründen verweigert die Kirche den Frauen das Priesteramt?"... Antwort - MARTINI ..."Es gibt eine Praxis der Kirche, die zutiefst in ihrer Tradition verwurzelt ist und von der es in ihrer zweitausendjährigen Geschichte keine wirklichen Ausnahmen gegeben hat. Das ist nicht allein mit abstrakten Gründen oder A-priori-Begründungen zu erklären, sondern rührt an etwas, das sein Geheimnis in sich selbst trägt."... Frage - MARTINI ..."Welche Gründe kann jemand für sein Handeln anführen, der moralische Prinzipien vertritt, die auch das Opfer sein Lebens erfordern können, der aber nicht an einen personalen Gott glaubt?"... Antwort - ECO ..."ich habe den anderen ein gutes Beispiel gegeben"... 4. Der Antichrist und die Apokalypse Carl Friedrich von Weizsäcker sagte im Sommersemester 1946 zu seinen Studenten: "Die wissenschaftliche und technische Welt der Neuzeit ist das Ergebnis des Wagnisses des Menschen, das Erkenntnis ohen Liebe heißt. Diese Erkenntnis ist an sich weder gut noch böse. Ihr Wert hängt davon ab, in den Dienst welcher Macht sie tritt. Ihr Ideal war, frei von jeder Macht zu sein. So hat sie den Menschen schrittweise aus seinen instinktiven und traditionellen Bindungen gelöst, aber ihn nicht in die neue Bindung der Liebe geführt. Das äußerste Erlebnis dieser Bindungslosigkeit habe ich in einer früheren Vorlesung Nihilismus genannt. Es ist, wo es sich die Lage eingesteht, vielleicht die ehrlichste Selbstbeurteilung der modernen Welt. Aber eben dann ist es eine Form der Verzweiflung. Ich sagte damals, es scheine mir der negative Gegenpol des Christentums zu sein. Vielleicht ist jetzt deutlicher, was damit gemeint war. Ich glaube, daß dieses Erlebnis, wenngleich nur als Frage, der Liebe näher ist als die meisten anderen, noch an ihre Instinkte gebundenen menschlichen Haltungen. Die Verzweiflung ist eine Frage, auf die manchmal Gott selbst antwortet. Wenn aber die Erkenntnis ohne Liebe in den Dienst des Widerstandes gegen die Liebe tritt, so rückt sie an die Stelle, die in den mythischen Bildern des Christentums durch den Teufel bezeichnet ist. Die Schlange im Paradies rät dem Menschen zur Erkenntnis ohne Liebe. Der Antichrist ist die Macht in der Geschichte, welche die lieblose Erkenntnis zur Vernichtung der Liebe ins Feld führt. Sie ist freilich auch die Macht, die sich durch ihren Sieg selbst vernichtet. Dieser Kampf ist noch nicht ausgetragen. Wir stehen ihn an einem Ort, den wir nicht gewählt haben, und an dem wir uns zu bewähren haben." 5. Literatur
ECO, U. (1982):
Der Name der Rose.-
übersetzt von Burkhart Kroeber
(Il nome della rose 1980);
654 S. Carl Hanser Verlag. München.
MARTINI, C. M.& ECO, U. (1999):
Woran glaubt, wer nicht glaubt?-
übersetzt von Burkhart Kroeber und Karl Pichler
(In cosa crede chi non crede? 1996)
158 S. Deutscher Taschenbuch Verlag. München.
WEIZSÄCKER, C. F. (1948):
Die Geschichte der Natur.-
138 S. Vandenhoeck und Rupecht. Göttingen.
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