Autor: Stefan Schill, erstellt am 2. September 2001 (Schill.Stefan@t-online.de)

Papst Johannes Paul II.
ENZYKLIKA FIDES ET RATIO (1998)

Anmerkung:
Der katholische Glaube sieht als größtes Mysterium die Entstehung des Menschen an. Da dies laut Bibel aufgrund Gottes Anweisung geschah, spricht der Papst vom fleischgewordenen Wort. Dies ist zugleich die Botschaft der Enzyklika. Die Philosophen und die Theologen sollen gemeinsam die Wahrheit aussprechen, auf daß sie geschehe, zum Wohle der Menschheit.

    Vorwort & Einleitung [0-6]
  1. Die Offenbarung der Weisheit Gottes [7-15]
  2. credo ut intellegam [16-23]
  3. intellego et credam [24-35]
  4. Das Verhältnis von Glaube und Vernunft [36-48]
  5. Die Wortmeldungen des Lehramtes im philosophischen Bereich [49-63]
  6. Die Wechselwirkung zwischen Theologie und Philosophie [64-79]
  7. aktuelle Forderungen und Aufgaben [80-99]
  8. Schluß [100-108]
Karol Wojtyla nennt zu Anfang "die beiden Flügel, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt" [0]. Gemeint sind damit die Theologie und die Philosophie. Der Glaube (fides) besteht in der Bereitschaft, sich die Wahrheit von Gott offenbaren zu lassen, die Vernunft (ratio) soll aus dieser Wahrheit "konsequente Schlußfolgerungen von logischer und deontologischer Bedeutung" [4] entwickeln. Die philosophischen Grundwahrheiten sind eine eine "unverzichtbare Hilfe, um das Glaubensverständnis zu vertiefen und die Wahrheit des Evangeliums allen, die sie noch nicht kennen, mitzuteilen" [4].

Wer aber jetzt die Philosophie als bloße Handlangerin der Theologie ansieht, liegt falsch. "Die Wahrheit, welche die Offenbarung uns erkennen lässt, ist nicht die reife Frucht oder der Höhepunkt eines von der Vernunft aufbereitenden Denkens. Sie erscheint hingegen mit dem Wesensmerkmal der Ungeschuldetheit, bringt Denken hervor und fordert, als Ausdruck der Liebe angenommen zu werden" [14]. Gott verschenkt demnach die Inspiration, über dieses oder jenes nachzudenken: "Es gibt also keinen Grund für das Bestehen irgendeines Konkurrenzkampfes zwischen Vernunft und Glaube: sie wohnen einander inne, und beide haben ihren eigenen Raum zu ihrer Verwirklichung" [17].

Ganz ohne Gegenleistung bekommt der Mensch die Offenbarung jedoch nicht: "Die erste Regel besteht in der Berücksichtigung der Tatsache, daß das Erkennen des Menschen ein Weg ist, der keinen Stillstand kennt; die zweite entsteht aus dem Bewußtsein, daß man sich auf diesem Weg nicht mit dem Hochmut dessen begeben darf, der meint, alles sei Frucht persönlicher Errungenschaft; eine dritte Regel gründet auf der 'Gottesfucht': die Vernunft muß Gottes souveräne Transzendenz und zugleich seine sorgende Liebe bei der Lenkung der Welt anerkennen" [18].

Warum überhaupt die Suche nach Wahrheit?
1. "Der Mensch ist das einzige Wesen in der ganzen sichtbaren Schöpfung, das nicht nur zu wissen fähig ist, sondern auch um dieses Wissen weiß ... Ehrlicherweise darf niemand die Wahrheit seines Wissens gleichgültig sein. Wenn er entdeckt, daß es falsch ist, verwirft er es; wenn er es hingegen als wahr feststellen kann, ist er zufrieden" [25].
2. Es ist "notwendig, daß die angenommenen und durch das eigene Leben verfolgten Werte wahr sind, weil nur wahre Werte die menschliche Person durch Verwirklichung ihrer Natur vollenden können" [25].
3. Jeder "will wissen, ob der Tod das endgültige Ende seines Daseins ist oder ob es noch etwas gibt, das über den Tod hinausreicht" [26].
4. "Hypothesen können den Menschen faszinieren, aber sie befriedigen ihn nicht. Es kommt für alle der Zeitpunkt, wo sie, ob sie es zugeben oder nicht, das Bedürfnis haben, ihre Existenz in einer als endgültig anerkannten Wahrheit zu verankern" [27].
5. "Der Mensch ist nicht geschaffen, um allein zu leben. Er wird geboren und wächst in einer Familie auf, um sich später in die Gesellschaft einzugliedern. Er findet sich also von Geburt an in verschiedene Traditionen eingebunden, von denen er nicht nur die Sprache und die kulturelle Bildung, sondern auch vielfältige Wahrheiten empfängt, denen er gleichsam instinktiv glaubt. Persönliches Wachstum und Reifung bringen es jedoch mit sich, daß diese Wahrheiten durch den besonderen Einsatz des kritischen Denkens in Zweifel gezogen und überprüft werden können" [31].

Wie findet der Mensch die Wahrheit?
"Diese lebenswichtige und für seine Existenz wesentliche Wahrheit wird nicht nur auf rationalem Weg erreicht, sondern auch dadurch, daß sich der Mensch vertrauensvoll auf andere Personen verläßt, welche die Sicherheit und Authenzität der Wahrheit garantieren können ... Man möge nicht vergessen, daß auch die Vernunft bei ihrer Suche auf die Unterstützung durch vertrauensvollen Dialog und aufrichtige Freundschaft angewiesen ist" [33].

Was läuft zur Zeit schief?
"Wir müssen derzeit feststellen, daß eines der gewichtigsten Fakten in unserer derzeitigen Situation in der 'Sinnkrise' besteht. Die häufig wissenschaftlich geprägten Ansichten über Leben und Welt haben eine derartige Vermehrung erfahren, daß wir wirklich erleben, wie das Phänomen der Bruchstückhaftigkeit des Wissens um sich greift ... Noch dramatischer ist es, daß sich in diesem wirren Geflecht aus Daten und Fakten ... nicht wenige fragen, ob es überhaupt noch sinnvoll sei, eine Sinnfrage zu stellen" [81]

Was ist zu tun?
1. Die Philosophie muß "ihre Weisheitsdimension wiederentdecken, ... denn wenn sie das tut, wird sie nicht nur die entscheidende kritische Instanz sein, die die verschiedenen Seiten des wissenschaftlichen Wissens auf ihre Zuverlässigkeit und ihre Grenzen hinweist, sondern sie wird sich auch als letzte Instanz für die Einigung von menschlichem Wissen und Handeln erweisen, indem sie diese dazu veranlaßt, ein endgültiges Ziel und einen letzten Sinn anzustreben" [81].
2. Die Philosophie muß auf die "vollständige und endgültige Wahrheit, also auf das Sein des Erkenntnisgegenstandes" [82] gerichtet sein.
3. Die Philosophie "muß imstande sein, das empirisch Gegebene zu transzendieren, um bei ihrer Suche nach Wahrheit zu etwas Absolutem, Letztem und Grundlegendem zu gelangen" [83].

Es wird gelingen!
"Der Glaube setzt ganz klar voraus, daß die menschliche Sprache fähig ist, die göttliche und transzendente Wirklichkeit auf allgemeingültige Weise auszudrücken" [84].

Literatur:
PAPA, II. (1998): Enzyklika Fides et Ratio, Glaube und Vernunft.- amtliche vatikanische Fassung; 112 S., Stein am Rhein.