Autor: Stefan Schill, erstellt am 27. April 2002 (Schill.Stefan@t-online.de)

War Jesus Cäsar?

Die Idee ist uralt, Cäsar könnte das Vorbild für Jesus gewesen sein. Francesco Carotta hat jedenfalls ein Buch hierzu geschrieben. Es heisst 'War Jesus Cäsar?'.

Um zu erörtern, ob die Frage überhaupt beantwortbar ist, zunächst ein bißchen Erkenntnistheorie. So würde es zum Beispiel keinen Sinn machen, den historischen Cäsar direkt mit dem Kunstprodukt Jesus zu vergleichen. Daß beide miteinander zusammenhängen, war ja bereits die Idee. Leider verfolgt Carotta in seinem über 500 Seiten starken Werk diesen Weg. Auffällig ist auch, daß sein Ansatz keinen Wert auf eine Gliederung des Textes legt, so daß jeder, der das Buch gelesen hat, nur mit Mühe eine bestimmte Stelle wiederfindet. Im Folgenden werde ich daher die verschiedenen Ebenen von Wissenschaft aufzählen und die zugehörigen Möglichkeiten, die jeweilige Fragestellung gezielt zu erforschen.

Um also Antworten zu erhalten, müsste man im Topf von Geistesgeschichte (Was ist das Denken hinter Cäsars bzw. Jesu Überlieferung?), Kunstgeschichte (Welche Art von Text wird überliefert?), semiotischer Geschichte (Welche Zeichen werden wie interpretiert?) und politischer Geschichte (Welcher Autor hat was geschrieben?) rühren. Ein weiteres Kapitel könnte sprachphilosophische Schlußfolgerungen daraus ziehen (Welche Schlagzeilen gibt es?) und einen Vorstoß in onto-theologische Dimensionen wagen (Was sind unsere Grundfeste?).

  1. Über Jesu Leben wird in den Evangelien berichtet. Dabei ist zu beachten, daß nicht alle Evangelien in der Bibel stehen und daß sich diese zum Teil widersprechen. Als gesichert gilt nur die Existenz einer mittlerweile verschollenen Spruchsammlung, die als Vorlage für die Evangelien gedient haben muss.
    Mit dieser einfachen Feststellung ist bereits viel über das Denken der Evangelisten gesagt. Wenn es zu Anfang nur ziel- und zusammenhangslose Sprüche gegeben hat, dann ist Jesu Geschichte konstruiert, und zwar so, daß sie den religiösen Anforderungen entspricht. Jesus soll darin die Menschheit erlösen, die zuvor aus dem Paradies vertrieben wurde. Die Evangelien richten sich also ganz klar gegen das gnostische Weltbild von gut und böse.
    Wie ein Blick in jede Philosophiegeschichte zeigt, haben sich die Römer dem Dualismus ergeben. Vielleicht war Cäsar einfach zu intelligent für seine Zeit und wollte die res publica und die res privata abschaffen.

  2. Die Ermordung von Jesus und Cäsar ist bekannt. Beide hinterliessen ein Mythos, der an Dramatik kaum zu überbieten ist, wahrlich eine Tragödie für die Menschheit.

    BRISSON 100f
    Als eine sich in der Zeit entfaltende Erzählung beschreibt der Mythos simultan bestehende, aber hierarchisch gegliederte Wirklichkeiten als sukzessiv aufeinanderfolgende ... Mit anderen Worten: Der Mythos überträgt die Synchronie eines Systems in die Diachronie einer Erzählung.

    Das in Szene setzen eines Mythos ist die Aufgabe eines Dramaturgen. Dies gilt für Drama, Komödie, Satire und Parodie gleichermaßen. Ein Mythos ist tragisch, wenn sich die göttliche Wahrheit dem Publikum zu erkennen gibt.

    KRÜGER 194
    Die Götter sind, und der Mensch bekommt ihr Wirken schicksalhaft zu spüren.

    Cäsars Beerdigung wurde groß inszeniert und sie wird es bis heute in den Passionsfestspielen.

  3. Die Evangelien sind nach Carotta bloße Produkte einer grottenschlechten Übersetzung des urlateinischen Textes ins Griechische und von dort ins Aramäisch-Hebräische. Er nennt eine Vielzahl von Belegen, wie durch das Verwechseln von wenigen Buchstaben ein neuer Sinn entstanden sein könnte. Desweiteren soll die Idee der Kreuzigung Jesu den Abbildungen auf römischen Münzen (Massenmedium!) entstammen, die Dornenkrone dem Lorbeerkranz Cäsars. Hier hat das Buch seine Stärken.

  4. Zum Thema der Autorenschaft präsentiert Carotta ein interessantes Schaubild, für das er sich aber sofort wieder entschuldigt und im Text auch nicht weiter verfolgt.

  5. MARKSCHIES 117
    So muß man das 2. Jahrhundert als eine Art Laboratorium begreifen, in dem in sehr verschiedenen Ecken des Reiches von sehr verschiedenen Individuen mit sehr unterschiedlichen Begabungen sozusagen Experimente darüber angestellt wurden, wie man zu einer auf dem weltanschaulichen Markt der Antike konkurrenzfähigen christlichen Theologie kommen könne.

  6. Die potentiellen Schlagzeilen in Carottas Buch beschränken sich auf das in Punkt 3 Dargelegte und betreffen vor allem die geographische Verirrung von Italien nach Israel und die Ermordung und Bestattung Cäsars, dargestellt als Gefangennahme und Kreuzigung Christi.

  7. Carotta zweifelt an allem und jedem. Um in dieser für ihn feindseligen Welt auf Nummer Sicher zu gehen, versieht er seinen Text mit 738 Anmerkungen. Seine Denkweise ist die des Habens. Er ist aber von Antworten und Lösungen noch weit entfernt.

    SPIEL UMWELT INFORMATION  
    Risiko Bestand Frage haben
    Selektion Sphäre Antwort können
    Spielregel Phase Lösung müssen
    Strategie Zugang Reinheit wollen
    Vertrauen ideologisch unendlich gebrauchen
    Kontrolle empirisch endlich verbrauchen

Literatur:
BRISSON, L.(1996): Einführung in die Philosophie des Mythos.-
     242 Seiten, Darmstadt.
CAROTTA, F.(1999): War Jesus Cäsar?-
     510 Seiten, München.
KRÜGER, M.(1973): Wandlungen des Tragischen.-
     243 Seiten, Stuttgart.
MARKSCHIES, C.(2001): Die Gnosis.-
     127 Seiten, München.